J.W. van de Goethinnen – Die Tuntenlehrlingin

Auf der gerade zu Ende gegangenen Fachtagung für kritisch-historische Tuntenforschung hielt die Gastrednerin Fr. Elça van der Elster – ihres Zeichens Dozentin und Sonderleergutbeauftragte am Lehrstuhl für allgemeine Tuntologie – einen außergewöhnlich fesselnden Vortrag über die wohl bedeutendste und gleichzeitig unbekannteste Dichterin, Vordenkerin und Vortrinkerin der neueren Tuntengeschichte. Die Rede ist natürlich von Johanna Wolfina van de Goethinnen, deren lyrisches Werk gerade erst durch einen Zufall von der Vortragenden im Keller einer bekannten Leipziger Sauna wiederentdeckt wurde.

Die berühmte Urtunte und Vortrinkerin Johanna Wolfina van de GoethinnenWährend ihres Vortrags, der auf große Gegenliebe aber auch tief sitzende Missgunst stieß, stellte sie auch ihre neueste Veröffentlichung mit dem Titel „Aktuelle Ergebnisse der effekthascherischen und vergleichenden Tunteraturwissenschaft“ vor, welche vor wenigen Wochen im Stöckel-Verlag erschienen ist. In mehreren Artikeln, welche die Originaltexten der Dichterin begleiten, erläutert uns die Forscherin auf informative und dennoch unterhaltsame Art und Weise die Lebensumstände der van de Goethinnen sowie die bisher verkannte Wirkung ihrer Dekadenz durch die Kulturgeschichte hinweg bis heute.

Freundlicherweise hat Fr. van der Elster zu einem Abdruck eines Auszuges aus dem angesprochenen Sammelband bereit erklärt.
„Nur so,“ betont sie, „können diese wichtigen lyrischen Artefakte einer breiten und flachen Öffentlichkeit und damit auch der Nachwelt erhalten werden.“ Nach und nach werden diese Auszüge hier veröffentlicht.

Die Tuntenlehrlingin

Johanna Wolfina van de Goethinnen

Hat die alte Meistertunte
Sich doch einmal wegbegeben!
Nun soll Kosmetik, ihre bunte
Auch meine Falten sanft beleben.
Ihre Make-Up-Werke
Ihren Stöckellauf,
Und mit Fummelstärke
Thu’ ich Lip-Gloss drauf.

Walle! walle
Manche Strecke,
Daß, zum Zwecke,
Champus fließe,
Und mit reichem vollem Schwalle
Auf die Zungen sich ergieße.

Und nun komm, du Make-Up-Besen!
Nimm die schlechten Fummelhüllen;
Bist schon lange Knecht gewesen;
Nun erfülle meinen Willen!
Auf zwey Stöckeln stehe,
Oben seye ein Fiffie,
Eile nun und gehe
Mit dem roten Rouge-Etui!

Walle! walle
Manche Strecke,
Daß, zum Zwecke,
Champus fließe,
Und mit reichem vollem Schwalle
In die Münder sich ergieße.
Seht, sie läuft zum Rewe nieder;
Wahrlich! ist schon an der Quelle,
Und mit raschem Gusse wieder
Ist sie hier mit Blitzesschnelle.
Schon zum zweytenmale!
Wie der Kühlschrank schwillt!
wie sich jede Schale
Voll mit Champus füllt!

Stehe! stehe!
Denn wir haben
Deiner Gaben
Vollgemessen! –
Ach, ich merk’ es! Wehe! wehe!
Hab’ ich doch das Wort vergessen!

Ach das Wort, worauf am Ende
Sie das wird, was es gewesen.
Ach, sie läuft und bringt behende!
Wärst du doch der Make-Up-Besen!
Immer neue Güsse
Bringt sie schnell herein,
Ach! und hundert Flüsse
Stürzen auf mich ein.

Nein, nicht länger
Kann ich’s lassen;
Will sie fassen.
Das ist Tücke!
Ach! nun wird mir immer bänger!
Welche Miene! welche Blicke!

O, du Ausgeburt der Heten!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh’ ich kann doch nicht mehr Treten
wo jetzt Champusströme laufen.
Ein verruchter Besen,
Der nicht hören will!
Stock, der du gewesen,
Steh doch wieder still!

Willst’s am Ende
Gar nicht lassen?
Will dich fassen,
Will dich halten,
Und das alte Holz behende
Mit dem scharfen Absatz spalten.

Seht, da kommt sie schleppend wieder!
Wie ich mich nun auf dich werfe,
Gleich, o Boldin, liegst du nieder;
Krachend trifft die glitzer Schärfe.
Wahrlich! brav getroffen!
Seht, sie ist entzwey!
Und nun kann ich hoffen,
Und ich proste frei!

Wehe! wehe!
Beide Theile
Stehn in Eile
Schon als Knechte
Völlig fertig in die Höhe!
Helft mir, ach! ihr Tunten-Mächte!

Und sie laufen! Klebrig nass,
Wird’s im Saal und auf den Stufen.
Feucht der Fummel, nass der Strass,
Ach Christine! hör’ mich rufen! –
Im Schaumwein steh ich stöckeltief
Meisterin, die Noth ist groß!
Das Make-Up das ich rief,
Werd’ ich nun nicht los.

„In die Ecke,
Make-Up-Besen!
Seyd’s gewesen.
Gebt fein Acht,
Ruft euch nur, zu ihrem Zwecke,
die Meisterin mit ihrer Macht.“

——
cc-by elça van der elster

2 Gedanken zu „J.W. van de Goethinnen – Die Tuntenlehrlingin

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