Antiprokrasitnationsarbeit – Ein handwerklicher Selbstversuch gegen Schnupfen

Eines Morgens, irgendwo in Berlin Kreuzberg:

10:02 Uhr:
Völlig verquollen quäle ich mich aus dem Bett. Immernoch Schnupfen, seit 3 Tagen geht das schon so. Davor war noch ein kleiner Verdacht auf eine angehende Mittelohrentzündung meine Ausrede, nichts zu tun und dennoch feiern zu gehen; die Rechnung schaut aber leider anders aus. Gut, erstmal das allgemeine Morgenprogramm: Duschen, Frühstücken, Kaffee trinken, Wäsche waschen, Zeitung lesen, sich vornehmen doch noch was zu tun und hoffen dass nicht der ganze Tag (wie gestern) vor dem Rechner und irgendwelchen (zugegebenermaßen sehr spannenden) Computerspielen wie Freeciv vorrüberschleicht.

12:45 Uhr:
Das Morgenprogramm war heute doch etwas länger. Kaum hat man den Kaffee gekocht, klingelt jemand an der Tür und will Pakete haben; kaum sitzt man gemütlich im heimelichen Örtchen klopft jemand an der Tür und will wissen, ob das Wasser im Bad noch läuft. Und überall dieser Baustellenlärm. Ich könnte den Bagger vor der Tür erwürgen, wenn das ginge. Komplett unentspannt mache ich den fatalen Schritt und fahre den Rechner hoch.

12:47 Uhr
Mails checken. Oh, schön Post. Nee, nix. Will ich nich. Nein. Nicht schon wieder die Zugangsdaten für ein Pornoportal, die ich wohl gestern früh angefordert habe (woran ich mich jedenfalls nicht erinnern kann; woraufhin ich glaube, dass ich mir ne neue Email-Adresse zulegen sollte).
Eine Freundin (ihres Zeichens angehende Architektin mit wahnsinnig guten Ideen)  schickt mir etwas. Hartz VI Möbel? Was soll das denn sein. Gut, draufgeklickt, schickes Video. Macht Lust auf mehr. Auf der Webseite lese ich von erschwinglichen Möbeln, die durch Marke Eigenbau und Erfolgserlebnis  auch noch das Selbstbewusstsein pushen, damit andere Aufgaben auch angepackt werden können. Dieses Faktum jeder*m HartzIV-Empfänger*in zu unterstellen halte ich zwar für bedenklich, aber abgesehen davon glaube ich schon, daß ein Erfolg sich auf andere hoffentlich einzustellende Erfolge auswirkt. Trotzdem überlege ich. Genau so wie ich gestern überlegt habe, ob ich etwas essen sollte oder doch noch weiterzocke. (Das hat allerdings acht mal so lang gedauert – und das Resultat eine anderes).

13:13 Uhr:
Der Beschluss ist gefasst. Ein Berliner Hocker wird es werden. Ist unglaublich süß, passt in jedes vollgestellte Zwischenmietzimmer und dauert mit 10 Minuten (so das Versprechen) auch überschaubar kurz. Die Motivation schwebt in den höchsten Höhen, jetzt nur noch warten, bis die Mitbewohnerin vom Joggen zurück kommt. Spannende Mode: zum joggen den Schlüssel zu Hause lassen. Vielleicht sollte ich doch schon gehen, immerhin ist der Baumarkt um die Ecke. Kann ja nicht so lange dauern.

13:28 Uhr:
Klingeling. Das ist mein Signal. Schon in der Wohnungstür überfalle ich sie mit meinem hochtrabenden Plan, endlich wieder raus an die frische Luft zu wollen und mit „ner supertollen Hartz-IV-Idee“ mich selbst wieder in die Gänge zu bekommen. „Ähm, was?“
Fünf erklärende Minuten später, in die Mehrfach die Frage nach etwas zum Bohren eingebaut wurde verschwindet sie in ihr Zimmer und ich bleibe mit dem Gedanken zurück, wohl doch noch zu krank zu sein, um freundlich und angemessen mit Leuten zu reden ohne sie gleich zu überrollen. Die Tür geht wieder auf. Freudestrahlend drückt sie mir den Akkuschrauber in die Hand und lässt noch das Wort Goldfarbe fallen. Warten. Denken. „Goldfarbe?“ frage ich in meinem Tran. „Die hab ich von meiner Freundin noch hier stehen,“ erwiedert sie mit einem Lächen auf den Lippen, „wenn du deinen Hocker schöner machen willst, dann am besten damit.“

13:35 Uhr:
Auf zum Baumarkt. Beschwingten Schrittes verlasse ich zum ersten Mal seit gefühlten Jahren das Haus und blicke in den Berliner Himmel. Ein herrliches Grau, genau das passende Wetter für Heimarbeiten. Dann begibt sich der Jäger auf die Pirsch. Heutige Beute: eine große Holzplatte und ein paar Spaxen zum spaxen.

14:29 Uhr:
Nach einer Odyssee durch die Irrungen und Wirrungen des großstädtischen Heimwerkerparadieses endlich wieder in der eigenen WG. Meine Mitbewohnerin hätte mich sofort erschlagen, wenn sie mich in die Finger bekommen hätte. Der Kopf platzt, die Baustelle vor der Tür wummert immer noch monoton vor sich hin. Die Mitbewohnerin hat sich in die Stadt verzogen, also kann ich so viel Lärm machen wie ich will. Auf ans Werk, nur wo ist das Werkzeug?

14:35 Uhr:
Habe endlich meinen besten Freund, die Stichsäge, gefunden. „Frisch! Frisch, mein Bruder. Und wenn’s vorbei ist wollen wir uns Laben.“ Baustelle! Mit dieser Konkurrenz kannst du was erleben. Jetzt säg ich dir was vor. Ha!

14:50 Uhr:
Endlich. Da steht der Verschnupfte seine Memme. 2 Bretter sind zersägt, die Späne auf dem Boden schon gestaubsaugt. Ergebnis begeistert. Und einer fühlt sich pudelwohl. Zu guter Musik lässt es sich 1000mal besser sägen!

15:01 Uhr:
Die ersten beiden Bretter sind verschraubt. Überall schiefe Kanten, Holzsplitter springen ab. Ich frage mich, ob das an meinen Fähigkeiten oder doch am verwendeten Holz liegt. Ich entscheide mich für letzteres und arbeite freudig weiter.

15:07 Uhr:
Die letzte Platte steht an. Ein wenig wohlige Vorfreude auf das Resultat macht sich breit. Und die Gewissheit, dass ganz viel nachgearbeitet werden muss kann.

15:12 Uhr:
Es ist vollbracht. Ein glücklicher Mensch mehr auf der Welt. Ran an die Schleifmaschine und die Kanten säubern, damit Farbe drüber kann.

15:13 Uhr:
Mist, keine Schleifmaschine im  Haus. Jeopardy Literaturgeschichte 400: „Hauptwerk Lenins„.

15:37 Uhr:
Schleifarbeiten am Ende. Es lohnt sich echt, Zwischenmieter eines Tüftlers und Bastlers zu sein. In einer unter dem Bett vergrabenen Kiste habe ich einen Exzenter-Schleifer mit eingebautem Staubsauger gefunden. Faucht wie ein frisch gewaschenes Großkätzchen und erspart jede Handmassage. Zur Abwechslung von dem ganzen Holzstaub greife ich zielsicher und blind ins verstaubte Bücherregal. „Polit-Graffiti & Demo-Sprüche“. Aha. Die plattesten Polit-Possen aus den 80ern. Eine beliebige Seite: „Wenn unser System die Antwort ist, muß das ja eine saublöde Frage gewesen sein!“ Ich stimme zu und kugle mich vor lachen auf dem Boden. Und sowas auf’s Plakat. Nächste Seite, weil’s so schön war: „Am achten Schöpfungstag dachte Gott an die BRD – und er erschuf den Bagger.“ Da hat sich ein*e Baumfreund*in ja was ganz schlaues ausgedacht. Tiefkatholisch und hoch-staatsfreundlich. Aber zum Glück sind die Zeiten der Bagger vorbei. Die Fauchkatze hat das gelbe Monster in die Flucht geschlagen, muhaha. Endlich kehrt ruhe ein im Hause Hockerbauer. Genüsslich schmökere ich weiter und entdecke kleine Edelsteine: „Lieber ’ne schmutzige Unterhose als ’ne saubere Uniform“ Ich denke an meine Wäsche, die noch aufgehängt werden möchte und stelle fest, dass es Sachen gibt die wichtiger sind. Zum Beispiel ein kleiner Exkurs im Fach ‚Historische Protestspruchforschung‘.  Ein weiteres Kleinod nach dem anderen entzückt die geplagte Schnupfennase. „Auf die Dauer – Tuntenpauer!“ – „Lieber für den Frieden bumsen als für Liebe Kämpfen!“ Oder wie wär’s mit was animalischem zur Kriegspolitik: „Schmiedet Schwertfische zu Flugenten!“ Da wiehert der Lachsack. Grandiose Plakatdichtung. Hach, feine Sache.

15:43 Uhr:
Entschlossen spähe ich durch den Türspalt in das Zimmer der Mitbewohnerin, auf der Suche nach der versprochenen Goldfarbe. Ahja, gleich rechts, wie abgemacht. Ich schleiche auf Zehenspitzen herein, um sie nicht bei der Arbeit zu stören (und das, obwohl sie garnicht da ist), mopse mir den Farbtopf und verdünnisiere mich wieder in mein inzwischen in „Ganz geheimes Labor“ umgetauftes Zimmer.

„Creative MetallEffekte“ prangt in fancy-Lettern auf der Lackdose. Danke, jetzt fühle ich mich informiert. Fehlt nur noch der Pinsel (unter Bett liegt garantiert noch son Ding) und ab dafür. Und die 2-4h Trockenzeit nicht unter den Tisch fallen lassen.

15:58 Uhr:
Kaum gläzt die Deckplatte von feuchtem Lack, fällt mir auf, dass ich eine Zeitung zum unterlegen vergessen habe. Da hätt‘ ich doch glatt Balkonien ins Paradies gemalt. Na na na.
In den Untiefen des Papiermülls finde ich die perfekte Tropfschutz-Zeitung für das heutige Projekt. In meinem Zustand vertraue ich nur der Fachzeitschrift „Schön gesund“; ein wenig Schönheit für das Möbelstück, die Gesundheit nehme ich.

16:11 Uhr:
Patsch, patsch, fertig. Die Finger glitzern leicht gülden. Der Besitzer eines bald hoffentlich getrockneten und nicht durch den Nieselregen versauten D.I.Y-Hockers freut sich nen Ast ab.

19:11 Uhr:
Tada. Frisch getrocknet vom Kreuzberger Balkon. My very own selbstbau Hocker. Ich glaube morgen male ich eine Einhorn drauf. Schön in die Mitte.

Fazit:

Besonders für tropfende Schnarchnasen, die seit Tagen nicht mehr außer Haus waren unbedingt empfehlenswert. Mit 7,10€ deutlich günstiger als die veranschlagten 10€, aber 10 Minuten trifft tatsächlich nur auf das Schrauben zu. Holzkauf, Zuschnitt, Schleifen und Lackieren (mit mehr oder minder zufälligen Sachen) waren dann doch 2¾h Arbeitszeit. Aber wer nimmt das schon so genau… Und das beste daran: danach ist mensch stolze*r Besitzer*in eines supertollen Hockers! Danke! Und viel Spaß beim nachbasteln.

PS: In den meisten Baumärkten gibt es einen Zuschneideservice. Kostet kaum was, Kanten sind gerade, Maße stimmen auch. Nur ist es nicht ganz so spaßig =)

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